Kreativität braucht kreative Pausen – eine Urlaubsgeschichte.

Die Uckermark. Nördlich von Berlin erstreckt sich ausgeprägtes Endmoränengebiet. Ich habe in den letzten Wochen viel Zeit darauf verwendet, mich auf einen Zelturlaub mit Fahrrad vorzubereiten. Allein. Ohne Familie. Ohne Freunde. Nur ich, ein kleines Zelt, eine Hängematte und mein Handy. Viel ist es ja nicht, was man so zum Leben braucht. Oder? Mein altes Hollandrad aus Studientagen stattete ich mit zwei Fahrradtaschen aus und kaufte ein neues Fahrradschloss. Perfekt. Ich schaute mir Videos an, um mich auf einen Fahrradurlaub ausreichend vorbereitet zu wissen. Was ich allerdings nicht einmal für rechercherelevant erachtete, war, die Landschaft kritisch zu erkunden. Viele kleine Ortschaften, das ja. Aber Endmoräne war ein Begriff, der sich mir erst viel später in Erinnerung erschloss.

endlose Straßen durch die Uckermark nördlich von Berlin

Abgeerntete Felder bei Warnitz

Kreativität wächst in der Stille

Ein Hügel bergab bedeutet: Sogleich folgt ein Hügel bergauf. Wo am Anfang noch die Hoffnung lag, es könne sich um eine Ausnahme handeln, wird eines schnell klar. Die Ausnahme ist die Regel. Es nützt nichts, wenn ich fluche – ob innerlich oder laut vor mich hin. Zum einen hört mich niemand, zum anderen ändert es nichts. So ist es nun mal. Also ergebe ich mich meinem Schicksal, erinnere mich daran, dass ich immerhin über drei Gänge am Rad verfüge und fahre weiter. Langsamer als geplant. Am Ende werden es weniger Kilometer sein, als ich anstrebte.

Doch gerade die Langsamkeit wurde mir ein Wegweiser. Ich war zu dieser Reise aufgebrochen, um aus meinem Alltag herauszukommen und eine kreative Auszeit zu genießen. Seit einigen Jahren fahre ich jedes Jahr für ein paar Tage allein irgendwo hin. Mal in den Harz, mal nach Berlin und jetzt erstmals allein zum Zelten. Das wunderbare am Alleinreisen ist für mich, die Möglichkeit meine innere Stimme wahrzunehmen:

Was will ich wirklich in diesem Moment?

Und nun, hier in der Uckermark, wollte ich Eindrücke sammeln, Menschen kennenlernen und ein paar Tage mit mir aushalten. Die ersten zwei Tage sind dabei ein Kraftakt. Gewohnheitsmäßig plant mein Gehirn den gesamten Tag durch. Stopp. Ich zwinge mich, nur eine grobe Richtung zu markieren. Irgendwann wird es besser und am vierten Tag habe ich lediglich den Plan, mich mit meinem Krimi von Hakan Nesser in die Hängematte zu legen. That’s it.

Ich esse, wenn ich Hunger habe. Ich gehe schwimmen und lege mich auf den sonnenwarmen Steg. Um mich herum Kindergeschrei. Unermüdlich springen sie von Steg ins Wasser, schupsen sich gegenseitig rein und bei den 12 – 13-Jährigen bahnt sich erstes, zartes Verliebtsein an.

Badesteg am Oberuckersee

Ich bin still und sauge alles in mich auf. Denke an meine Jugend zurück, als ich meinen ersten Kuss im einem Ferienlager bekam. Ein blonder Junge, er war ein Jahr älter als ich. Jahre später gingen wir auf dasselbe Gymnasium und taten so, als würden wir uns nicht kennen. Ich erinnere ich mich auch an die unsagbar langen Sommer meiner Kindheit. Immer waren wir am See. Wir übten Handstand im Wasser und tauchten zwischen den Beinen der anderen durch. Es gab geschmierte Stullen und warme Brause, die wir von Zuhause mitgebracht hatten. Alles ist wieder da. Ich bin wieder 13 Jahre alt.

Das ist mein Sommer. Um mich herum Trubel, ich hingegen bin stille Beobachterin. Und diese innere Stille gibt mir das Gefühl, meine eigenen Gedanken ganz unabhängig zu denken. Wo ich im Alltag oft beeinflusst werde von andere Menschen, von Nachrichten und von Social Media, begebe ich mich nun in ein andauerndes Selbstgespräch. Kreativität braucht zu ihrer Entfaltung immer wieder neue Inspirationen von außen. Wir können nicht aus dem Nichts etwas erfinden. Immer nehmen wir Bezug auf unsere Umfeld. Alles, was wir erleben oder erfahren hat Einfluss auf neue Ideen, die wir entwickeln. Aber von Zeit zu Zeit muss all dies geordnet und sortiert werden. Eine kreative Pause bedeutet daher für mich, dass ich mir Zeit gebe, wieder bei mir anzukommen.

Inspiration durch Begegnungen

Die Landschaft der Uckermark ist weit. Ich fahre, ich quäle mich einen Hügel hinauf und dann stehe ich dort oben und schaue weit ins Land hinein. Schäfchenwolken hängen während dieser Tage schwer am Himmel und scheinen einfach dazuzugehören. Blauer Himmel dazwischen. Und sonst nichts. Die Ortschaften sind klein. Oft fehlt ihnen das Pittoreske, was Urlaubern so gut gefällt. Auch mir fehlt es.  Vergeblich suche ich nach versteckten kleinen Cafés, die plötzlich auftauchen und wie ein Geheimtipp wirken. Irgendwann werde ich ein nettes Bistro entdecken, bei dem die Türen offenstehen, das aber erst in einer Stunde tatsächlich öffnen wird. Ich versuche keine Frustration aufkommen zu lassen. Immerhin habe ich viel wunderschöne Landschaft. Und viel Einsamkeit.

Stand up Paddeling (SUP) in Abenddämmerung in Brandenburg

Oberuckersee am Abend

Dennoch: Ich  treffe auf meiner Reise viele Menschen. Sie sind Einheimische, die in einem der Cafés arbeiten, die ich trotz allem gefunden habe. Ich treffe ein Frau, die vor drei Monaten ihr Café eröffnet hat. Sie ist nicht mehr die Jüngste, trägt eine Kittelschürze, wie ich sie noch von meiner Oma kenne und klagt ein wenig über die viele Arbeit. Sie trägt ihr Herz auf der Zunge und backt köstlichen Bretonischen Eierkuchen. Und überall stoße ich auf andere Radreisende. Einige haben sich mit den landschaftlichen Gegebenheiten genauso vertan wie ich.

Eine Frau erzählte mir von ihrer Erfahrung auf Mallorca, wo sie einen steilen Berg auf einer engen Straße hinunterfuhr und dass sie, unten angekommen, vom Rad kippte und in Tränen ausbrach. Und ich lernte Wilhelm kennen. Mein Zeltnachbar auf dem Campingplatz. Wilhelm erzählte mir, dass er mit einem ähnlichen Rad, wie ich es habe, durch ganz Indien gefahren ist. Auch er sucht von Zeit zu Zeit die Einsamkeit.

An meinem letzten Abend gingen wir gemeinsam auf ein Jazzkonzert im Nachbarort Melzow. Eine laue Sommernacht – und nun hatte ich mein pittoreskes Dorf gefunden. Das Konzert fand unter freiem Himmel in einem Innenhof statt, der voll war mit Menschen. Ich betrat den Hof und war unter Freunden. Vielleicht war es die Musik, vielleicht die Sommernacht oder der Ort, der so anders war. Rotwein, Musik, Inspiration.

Doch manchmal spürte ich in all der Zeit ein kleines bisschen Wehmut. Wenn ich sehe, wie Väter mit ihrem Kindern Zeit verbringen, ihnen Geschichten vorlesen, mit ihnen im Wasser spielten oder Eis kaufen gehen im Campingshop. Urlaub auf dem Zeltplatz ist Familienzeit pur. Da kommen plötzlich Momente, wo ich  gern jemanden an meiner Seite hätte, um, ja, um den Sonnenuntergang zu teilen. Nichtsdestotrotz  bin ich dankbar für die Erfahrung. Wie sonst könnte ich irgendwann darüber schreiben, wie es sich anfühlt, allein unter urlaubsseligen Familien zu sein? Wie sonst könnte ich den nächsten Moment in Zweisamkeit besser genießen? Und wie sonst sollte ich meine Kreativität nähren?

 

Kreativität mit Kindern. Lesen fördert die Kreativität.

Papa, liest du noch eine Geschichte?

 

Ausgerechnet in meiner letzten Nacht musste es regnen. Am Morgen dann die schlimmste aller Campingerlebnisse: Ein nasses Zelt auf einer nassen Wiese abbauen. Auf der Rückfahrt ein kurze Zwischenstopp in Berlin. Einen Freund getroffen und Großstadtluft geschnuppert. Am nächsten Morgen, nach einer Nacht im richtigen Bett, schien die Sonne. Perfektes Wetter, um das Zelt noch einmal aufzubauen. So konnte es trocknen und wir war kurz wieder im Urlaub.

Anja

fleißige Redakteurin

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